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Schleier und Haube – mittelalterliche Kopfbedeckungen auf Fresken in Schwaz (um 1475 )

Das gesamte Mittelalter hindurch war der Hof von Burgund in Modefragen tonangebend. Von dort breiteten sich neue Strömungen nach Süddeutschland aus und gelangten über diesen Weg auch nach Tirol. Unter diesen Voraussetzungen nimmt die Region Schwaz eine Sonderstellung ein, da durch die engen Handelsbeziehungen zu Augsburg neue Kleidersitten besonders rasch aufgenommen wurden. In einem der Turmzimmer der Burg Freundsberg können Fresken mit zarten Rankenmalereien besichtigt werden, in die auch zwei elegante Damen mit weißen Schleiern eingebunden sind, die zur Falkenjagd ausreiten. Die weit ausladende Form ihrer Kopfbedeckungen kann auf neue Frisuren zurückgeführt werden, die im 15. Jahrhundert aufkamen und in Verbindung mit Hauben und Schleiern bald zu mancher grotesken Stilblüte geführt wurden.

Im Mittelalter war es üblich, dass nur unverheiratete Frauen ihr Haar unbedeckt trugen. Für verheiratete Frauen war das „Gebende“ (eine Vorform des Hutes) eine charakteristische Kopfdeckung, aber auch lose über den Kopf gezogene oder gebundene Tücher und Schleier. Grundsätzlich waren die Gebende weiß und verfügten über ein Kinnband, das in der Spätgotik in veränderter Form über Hals, Nacken und Kinn gezogen „Rise“ genannt wurde. An der Wende zum 15. Jahrhundert kam in Deutschland eine neue Form des Schleiers auf. Man bezeichnete sie als „Kruseler“ oder „Krüseler“, weil ihre das Gesicht rahmende Kante mit mehreren gekrausten Rüschen besetzt war. Manche der Moden muten für heutige Verhältnisse ungewohnt an, z.B. die ebenfalls im Spätmittelalter aufkommende Tendenz, Hauben oder Tücher über Drahtgestellen zu tragen. Denn das hatte zur Folge, dass einige Kopfbedeckungen in Bezug auf ihre Ausmaße geradezu als „Schleier-Architekturen“ betrachtet werden können.

Wie es zu dieser außergewöhnlichen Mode kam, lässt sich anhand der Freundsberger Fresken aufzeigen. Sie wurden vom Hofmaler Erzherzog Sigmunds des „Münzreichen“ (1427-1496), Jobst Weninger, geschaffen, der etwa ab 1466 in Tirol greifbar ist. Auf den um 1475 entstandenen Wandmalereien sind zwei Frauen zu sehen, die zur Beizjagd ausreiten. Die merkwürdige Form ihrer weißen Schleier ist auf die damalige Haartracht zurückzuführen. Die Frauen banden nämlich ihre Haare über beiden Ohren zu je einem großen Knoten zusammen, was bei den darüber anzulegenden Hauben bzw. Schleiern zur Folge hatte, dass sie quasi die Form von weit ausladenden Kuhhörnern annahmen. Das war die Geburtsstunde von hörner- oder wulstartigen Kopfbedeckungen, die bald zu mancher Stilblüte geführt wurden. Denn eine Steigerung ins Monströse konnten die Kopfbedeckungen dann annehmen, wenn über den Hauben auch noch der auf weit ausladende Drahtgestelle gespannte Schleier getragen wurde. Nicht zu vergessen, dass die Damen dann als besonders en vogue galten, wenn sie die Haarpartie des Vorderkopfes über der Stirn abrasierten. Auf den Freundsberger Wandmalereien ist das Fehlen des natürlichen Haaransatzes deutlich auszumachen.